Zum ersten mal bin ich letztes Wochenende mit vier Leuten gemeinsam verreist, mit denen ich hier die meiste Zeit verbringe. Alle arbeiten an der NTU als Austauschstudis oder Vollzeit, und so sehen wir uns mehr oder weniger jeden Tag.
Viet, Aminata, Gonzague, Julien und klein Samuel
Hong Kong hat uns nach dreieinhalb Stunden Billigflug etwa genauso begrüsst wie ich es mir vorgestellt hatte. Ein riesiges lautes buntes Chaos, tausende Menschen auf der Strasse, leuchtende blinkende chinesische Schriftzeichen überall. Auf einer Fläche etwa so gross wie der Thurgau (ist einfach ein toller Vergleich) leben sieben Millionen Menschen, soviel wie in der ganzen Schweiz. Im Vergleich zu Singapur fällt vor allem auf, dass alles ein bisschen weniger steril ist, die Leute sind offener, freundlicher und der Kulturmix scheint noch viel stärker.

Eines der ganz grossen Highlights wenn auch nicht unbedingt im positiven Sinne war unser Hotel. Es liegt in den scheinbar legendären Chunking Mansions:

Der Komplex besteht aus fünf Teilgebäuden die unübersichtlich aneinander gebaut sind und zusammen eine bizarre Art eigene kleine Stadt bilden. Im Inneren befinden sich zahlreiche billigste Hotels, Einkaufspassagen, Wohnungen, Restaurants, dubiose Wechselstuben und so weiter. Alles sieht aus, als wäre es im laufe der Zeit so gewachsen, und nicht Teil eines grossen ganzen.
Ein paar Auszüge aus der Wikipedia:
“Noch vor den meisten Bauten des „modernen“ Hongkong errichtet, gilt es inzwischen aber als hoffnungslos veraltet und baufällig. Derzeit leben ca. 4.000 Menschen hauptsächlich aus Indien, Pakistan, Nepal und aus afrikanischen Ländern sehr beengt in den größtenteils überaus verwohnten Räumlichkeiten der Chungking Mansions.”
“Da die meisten aktuellen Brandschutzverordnungen missachtet werden und das hygienische Umfeld mehr als bedenklich ist (mit den daraus resultierenden Folgen wie zum Beispiel Ungezieferbefall), wurden wiederholt Stimmen laut, die den Abriss des riesigen Komplexes forderten.”

Der Ausblick aus dem Hotelzimmer, in einen der Zahlreichen Innenhöfe. Man beachte die Person mit dem Regenschirm: Der Regen stammt nicht vom Himmel, sondern von den hunderten Klimaanlagen die Kondenswasser (Schweiss?) nach draussen befördern.

Eines unserer Hotelzimmer: Geschätzte 8 Quadratmeter für zwei Betten. Ein zusätzlicher Quadratmeter für Dusche und WC. Bettwäsche, Badetuch und Hotelschlarpen in verschiedenen Farben und Formen. Und ein Gestank der es mit einem gewissen Hotel in Cannes aufnehmen kann…

Einer der Eingänge zu den Mansions. Man beachte die professionell ausgeführten elektrischen Installationen.
Der Film “Chunking Express” spielt zu einem grossen Teil in den Chunking Mansions, und fand seinen Weg auch in den Westen, dank eines gewissen Quentin Tarantino, der den Film in den USA vertreiben und bewerben liess.

Trotz dem Genörgel, die Atmosphäre hatte auch was faszinierendes. Und das Hotel war billig. Und extrem zentral. Und wir waren ja eh nur zum schlafen in den stinkigen Kämmerchen.
Beginnen wir mit unserem Sightseeing Trip. Als unverbesserliches Landei war ich natürlich vor allem von den Hochhäusern fasziniert. Da Hong Kong zu einem grossen Teil aus unbebaubaren Hügeln besteht, wird da wo man kann einfach in die Höhe gebaut. Und zusätzlich wird ständig dem Meer neues Land abgerungen. Das hier ist so eine Siedlung auf einem frisch aufgeschütteten Landstück.

Keine Baumaschinenausstellung, sondern eine Baustelle:

Mit der historisch anmutenden “Star Ferry” von unserem Stadtteil “Kowloon” über den Hong Kong River zum eigentlichen Stadtzentrum, der Hong Kong Island getuckert:

Genauso wie die Fähre, ein unverkennbares Stück Kolonialgeschichte: Die zweistöckigen Hong Kong Trams, auch “Ding Ding” genannt

Danach mit der längsten Rolltreppe der Welt eine halbe Stunde lang mitten durch die Stadt bergaufwärts gefahren. Eine gratis Sightseeing Tour durchs Soho-Quartier, wo sich eine einzigartige Atmosphäre ergibt durch den bunten Mix aus alten und neuen Gebäuden, kleinen Parks, vielen netten Bars und Restaurants, und das ganze wie an den steilen Hügel drangeklebt. Zürcher Rennvelo-Freitagtaschen-Langstrassen-Szenis würden sich wie zu Hause fühlen.


Am ende der Rolltreppe angekommen, beschlossen wir, den Rest des Berges Hügels auch noch zu erklimmen. Teils mit viel, teils mit etwas weniger Motivation.

Die Aussicht war grandios, wenn auch von der Luftverschmutzung etwas getrübt… Der Smog habe aber auch sein gutes, sorge er doch für spektakuläre Sonnenauf- und Untergänge, haben wir uns sagen lassen. Aha.

Den Abend haben wir uns mit Fussball schauen und Biertrinken vertrieben. Schlimm wenn man nichts besseres mehr mit sich anzufangen weiss.
Vorher:
Nachher:
Am nächsten Tag zog es uns schon wieder Stadtauswärts, auf die Insel Lantau, wo eine Gondelbahn von der Küste bis auf Ah-Täm-Beraubende 528 Meter über Meer zum Ngong Ping Plateau und dem dortigen Kloster samt Riesenbuddha führt.
Beim raufgondeln bietet sich einem eine grandiose Aussicht auf den neuen Flughafen Hongkong Chek Lap Kok. Von mir aus hätte die Bahn da ruhig mal ein paar Stunden stehen bleiben können.

Die Gondelbahn an sich ist für die Asiaten ja schon eine Attraktion, mich hat es aber eher fasziniert dass irgendjemand offenbar eine alte Gondel aus Grindelwald gekauft, um die halbe Welt transportiert, besonders kreativ bemalt und auf diesen Hügel gebracht hat.

Auf dem Plateau gab es zwar weniger Smog, dafür mehr Nebel. Die Stimmung im und um das Kloster war aber umso faszinierender:



Achja und hier noch ein klassisches Beispiel für das neu erwachte chinesische Umweltbewusstsein. Das Touristendörfchen auf dem Hügel wird mit hunderten Plastikfahnen als das erste Null-Plastiksack-Dorf von Hong Kong beworben, weil es in den (dutzenden) Souvenirshops da oben nur Papiersäcke gibt um die billigen Plastiksouvenirs abzutransportieren. Soweit so gut.

Gleichzeitig wird von den Insassen jeder Gondel, die unten losfährt, ein Foto geschossen mit extraviel Smile und Peace drauf, an der Bergstation sofort auf Hochglanzpapier gedruckt und den ankommenden Touris für umgerechnet 25 Stutz zum Kauf angeboten. Was mit den tausenden Bildern jeden Tag geschieht, die niemand kaufen will, interessiert niemanden…

Den Rest des Tages verbrachten wir mit dem Abgrasen der verschiedenen, teils skurrilen Märkte. Das hier ist der Goldfish-Market: Eine ganze Strasse voller Läden die Aquarien und Zubehör und natürlich Goldfische in Plastiksäcken verkaufen.

Weil gewisse Leute sich dermassen von den (friedfertigen und sehr anständigen) Kakerlaken in unserem Hotelzimmer fürchteten dass sie nicht mehr dort schlafen wollten, beschlossen wir irgendwann als es sowieso schon langsam wieder früh wurde, das mit dem Schlaf auf den Rückflug zu verschieben.
Die Stimmung am nächsten Morgen wird von diesem Bild ziemlich gut aufgefangen:


Und nach drei Stunden erholsamen Schlafes im Tiger-Economy-Sitz (in Asiaten-Ausführung) kam ich am Montagnachmittag grad noch rechtzeitig zum Treffen mit meinem Professor.
The End.
P.S. Was sonst noch so geschah:
Wann immer ich in Hong Kong bin statte ich auch meinem persönlichen Schneider einen Besuch ab. Für einen neuen Anzug reichte die Zeit diesmal aber nicht, nur für ein Foto.

Gut zu wissen: Wie schreibt man Kantonsstrasse auf Chinesisch?

Trautes Heim, Glück allein:
